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Märchen, das
[mhd. maere, "Erzählung"], eine kurze Prosaerzählung, die von phantastischen Zuständen und Vorgängen berichtet. In einer zeitlich und räumlich nicht festgesetzten Sphäre greifen übernatürliche Mächte in die Alltagswelt ein: Tiere oder Pflanzen nehmen menschenähnliche Gestalt an und können reden; Menschen werden zu Tieren oder Pflanzen verwandelt; Zauberer, Hexen, Riesen, Zwerge, Drachen und Feen beschützen und gefährden den Menschen. Diese unwirklichen Vorgänge werden als ganz natürlich dargestellt. Die einem Märchen zugrunde liegenden Weltordnung ist immer einfach: Der Gute wird letztlich belohnt, der Böse bestraft. Die Gestalten des Märchens sind meist feste Typen: z. B. ein König, ein Fischer, ein armes Mädchen u. ä.
Es war einmal vor langer, langer Zeit, als es noch Einhörner gab, und Feen, und Greife in den Bergen, und Ritter in glänzenden Rüstungen, damals, als Magie und das Schwert einen Bettler zum König und einen König zum Vagabunden machen konnten, daß auf einem Bauernhof ein Junge heranwuchs, für den das Schicksal einen seltsamen, mühevollen, aber dennoch besonderen Weg vorgesehen hatte.
Er war der einzige Sohn seiner Eltern, guter, hart arbeitender Menschen, die immer ein wenig wehmütig bedauerten, daß ihnen der Himmel keine weiteren Kinder geschenkt hatte, die aber dafür ihren wohlgeratenen, hübsch anzusehenden Sohn umso mehr lieb hatten.
Der Junge war groß für sein Alter, mit einem Schopf brauner Haare und dunklen Augen, freundlich zu Mensch und Vieh, wohlgelitten von den Nachbarn und der ganze Stolz seiner Eltern. Sein Name war Jeffrey, aber jedermann nannte ihn nur "Sperling", da er des abends, am Kaminfeuer, seit jeher nichts lieber getan hatte als sich verträumt an das Knie seiner Mutter anlehnen und gebannt den Geschichten der alten Frauen zu lauschen, die von fernen Ländern und vielen Wundern erzählten, so daß der Junge nichts und niemandem mehr ähnelte als einem frisch geschlüpften Zugvogel, den es bereits voll Sehnsucht in die Ferne zog.
Und so vergingen die Jahre - Sperling half im Frühjahr, glänzende gelbe Getreidekörner auszusähen, fütterte die Hühner, führte die Kühe auf die Weide und hütete die Schafe, während er sich pfeifend einen Hirtenstecken schnitzte. Er saß neben seinem Vater auf dem Kutschbock, wenn sie Brennholz und Reisige holen gingen im Wald, sah seiner Mutter zu, wenn sie mit kräftigen Armen den Teig knetete, um duftende Laibe Brot zu backen, führte die Ochsen beim Pflügen und half, die goldenen Getreidehalme zu schneiden und die Ernte einzufahren, wenn sich der Sommer dem Ende neigte. Der Herbst brachte Stürme und rote Äpfel, der Winter Schnee und eine Wiederkehr der Abende vor dem Kamin, und mit jedem Jahr schien Sperlings Verträumtheit zu wachsen, und immer neue Geschichten wollte er hören, Geschichten voller Abenteuer und dem Zauber ferner Lande. Jeder Händler, Reisende und der Sänger, den es eines Winters in das Tal verschlagen hatte, fand sich zu seiner eigenen Verwunderung beredet wie nie, wenn die dunklen Augen des Jungen gebannt auf ihm ruhten und jedes Wort seiner Erzählung verschlangen.
Und mit jedem Jahr wünschte sich Sperlings Mutter heimlich, daß der lange Winter nur schnell vorbeigehe, fürchtete sie doch, ihr Kind an die weite Welt zu verlieren, an die Meere jenseits der Berge oder an den Hof des Königs im Westen. Eines Tages würde ihr Sperling seine Flügel ausbreiten und seine Eltern verlassen, um all die Wunder zu sehen, vor denen ihm die Geschichtenerzähler berichtet hatten...
Und so versuchte sie, kaum daß ihr Sohn zu einem Jüngling herangewachsen, ihm eine liebe Braut zu finden, auf daß er immer bei den Menschen bliebe, die ihn liebten. Schwer ward es nicht, junge Mädchen zu finden, die nur zu gerne bereit waren, dem Jüngling Hand und Herz zu schenken, denn Sperlings aufmerksames Wesen und sein schnelles, freundliches Lächeln hatten schon manch eines Mädchens Herz schneller schlagen lassen. Aber Sperling ward nur nett und freundlich zu allen gleichsam und folgte nicht dem sanften Drängen seiner Mutter, hatte doch keines der Mädchen sein Herz gewonnen.
Und so ging wieder ein Jahr ins Land, und bald deckte der Winter seine weißglänzende Decke übers Feld und Wald, und die Dörfler versammelten sich nach getaner Arbeit aufs Neue des abends am wärmenden Kaminfeuer. Und nach den Geschichten, wenn die kleinen Kinder von ihren Eltern ins Bett geschickt wurden - die Sonne war schon längst untergegangen - fanden Mutter und Vater ihr Kind an den hölzernen Toren des Dorfes, den Rücken an die Pfosten gelehnt, verträumt den aufgehenden Mond und das Glitzern der Sterne betrachtend... und jedesmal seufzte Sperlings Mutter leise und sorgenvoll und fürchtete den Tag, da ihr Sohn für immer fortgehen würde. Und Sperlings Sehnsucht wuchs.
Aber auch dieser Winter ging vorbei, und eines Frühlingsmorgens führte Sperling wieder einmal die Schafe seines Vaters auf die grünen Weiden in den sanften Hügeln hinter dem Dorf, begleitet von seinem treuen Hütehund. Das Gras dort war grün und saftig, von der Sonne gewärmt, und Sperling wanderte ziellos um die Herde herum, die Schmetterlinge betrachtend, die Wolken am Horizont, die Hänge und Täler der Berge in der Ferne... und so geschah es, daß Sperlings Schritte ihn weiter und weiter von den Schafen fortführten, die er doch hüten sollte, währenddes er von fernen Ländern hinter dem Horizont, fremden Menschen und Abenteuern träumte.
Tief in Gedanken versunken, wanderte er eine ganze Weile, bis er über einen Stein stolperte und mit einem Mal merkte, wie weit er doch die Herde und seinen treuen Hund schon zurückgelassen hatte. Die Hügel um ihn herum erinnerten nun mehr an Gebirge, grau und nur spärlich bewachsen, das Dorf nur ein kleiner Punkt in der Ferne, tief unter ihm. Und Sperling fühlte auf einmal nicht nur Aufregung in seiner Brust aufgrund der fremden Welt um sich herum, nein, auch ein klein wenig Angst, denn in seinem ganzen Leben ward er noch niemals so weit fort von zu Hause gewesen.
Aber dennoch schienen die nebelumhangenen Bergspitzen am Horizont still nach ihm zu rufen, und so zögerte er nur einen Herzschlag lang und setzte dann seinen Weg fort, hinauf in die Berge... Oh, vielen Geschichten hatte er gelauscht, die von geheimen Höhlen im Gestein erzählten, Grabstätten von mächtigen Königen, versteckte Schätze bergend, und von Prüfungen und Abenteuern, die die Ritter erwarteten, die tapferen Mutes die Stille und Dunkelheit von Jahrhunderten zu durchbrechen wagten...
Schnell hatte Sperling sein schlechtes Gewissen vergessen, hatte der doch die Schafe seines Vaters allein und unbewacht zurückgelassen, und folgte dem kaum sichtbaren Pfad ins Herz des Gebirges.
Und so geschah es, daß der Junge auf einem schmalen Grat in den Bergen von der tiefstehenden Sonne geblendet ward - und einen Fehltritt tat. Die alten Frauen des Dorfes hätten den bösen Zauber einer Hexe dafür verantwortlich gemacht, und - wer weiß -, vielleicht hätten sie recht daran getan. Wie auch immer, Sperlings Fuß traf nicht auf Stein, hart und verläßlich, sondern nur auf Luft, und er hatte gerade noch genug Zeit für einen kurzen Gedanken an das liebe Lächeln seiner Mutter und die stille Kameradschaft seines Vaters, bevor auch sein zweiter Fuß abrutschte und er endlich wußte, wie es denn wohl sein würde zu fliegen, da er fiel und fiel ins Nichts...
Gar endlos erschien ihm der Fall, der in Wahrheit wohl nur wenige Augenblicke gedauert hat, und dann traf er auf Gestein, Gras und Geröll und rutschte noch mehrere Meter weit den Abhang hinab, bis er inmitten einer Steinhalde zu liegen kam. Sperling gab nur einen kurzen, vogelähnlichen Schrei von sich, ließ sich seine Schmerzen (sein linkes Bein schmerzte gar fürchterlich) nicht anmerken und versuchte tapfer, wieder aufzustehen. Es wollte ihm aber nicht gelingen, und mit einem Mal packte ihn die Furcht.
Was würde nur hier mit ihm geschehen, ganz allein, inmitten der Berge, so weit fort von seinen Eltern und den Dorfbewohnern - wie sollten sie ihn finden? Ihn nach Hause tragen? Er umklammerte seinen Knöchel, und eine einsame Träne lief seine Wange hinab. Abenteuer hatte er gesucht, nicht aber den Tod ganz einsam in der Welt der Berge, die ihm nun düster und feindlich erschien, da die Sonne sich bereits anschickte, unterzugehen, und der Schein des Abendrots nicht warm, sondern vielmehr wie Blut wirkte...
Das Geräusch von rollenden, kullernden Steinen ließ ihn auf einmal nach oben blicken, hinauf zu dem Grat, von dem er gefallen, und er erblickte ein Gesicht, das zu ihm hinabsah.
Kein Bergkobold, kein Greif oder Bär, nein, ein menschliches Antlitz war es, und ein hübsches dazu, gehörte es doch einem Jüngling von vielleicht Sperlings Jahren, der ein Roß am kurzen Zügel führte und ihn anrief: "Junge, bist Du wohlauf? Deinen holter-die-polter Abstieg habe ich wohl gesehen, nur scheint der Berg Dir nicht wohlgesonnen - bist Du verletzt?"
Sperling schien diese Frage etwas hochgemut gestellt, aber die wahre Sorge hinter den leichten Worten ließ ihn freundlicher antworten, als er es sonst getan, und bald stieg der fremde Jüngling behutsam den Berghang hinab, um zu ihm zu gelangen.
Mit besorgt umwölkter Stirne tastete der Fremde bald Sperlings Bein ab, lächelte ihn erleichtert an und schickte sich an, des Jungen Bein mit Holz und Stoffstreifen von seinem blauen Mantel zu schienen. Ein kräftiger Arm half ihm hoch, und Sperling hatte einmal mehr Gelegenheit, das Antlitz seines Retters zu betrachten, als ihm der fremde Jüngling auf den Rücken seines Rosses half. Braungebrannt ward es, und ernst über seine Jahre hinaus, und eine Pein schien auf ihm zu liegen, die jedes Lachen zu einem schwachen Lächeln und ein jedes Lächeln zu einem traurigen Blick werden ließ. Dennoch ward es ein hübsches Gesicht, mit kräftigen Zügen und klaren blauen Augen, gekrönt von einem Schopf kurzer hellbrauner Haare.
Ein Krieger mußte es sein, dachte unser Sperling, und beobachtete heimlich den Fremden, der ein ledernes Wams, feste Beinkleider, den bereits erwähnten blauen Mantel und braune Stiefel trug, wegen der beiden silbernen Schienen an seinen Vorderarmen und dem Dolch im Gürtel, und war das nicht ein Schwert in abgenutzter Scheide, das er am Sattel des Pferdes hängen sah?
Der Fremde warf ihm einen kurzen Blick zu, nicht unfreundlich, nur neugierig, und Sperling konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Jüngling schon lange nicht mehr so viel Anteil an der Welt um ihn herum genommen hatte. Dieser Gedanke ließ ihn den anderen anblicken und sprechen: "Mein Name ist Jeffrey Thomas, aber man nennt mich Sperling, und ich lebe im Dorf dort unten am Fuße der Berge, nur habe ich mich hierher verirrt und bin gefallen, und ich danke Dir gar sehr für Deine Hilfe, Fremder, denn ohne Dich läge ich noch immer dort bei den Steinen und wüßte nicht, wie ich gar jemals nach Hause kommen sollte," und der andere lächelte kurz und nickte bloß, ohne seinen Namen zu nennen, den Sperling doch so gerne gehört hätte.
Und der Fremde führte sein Pferd, den ganzen Weg hinab bis zu der Weide, auf der Sperling die Schafe zurückgelassen, und weiter bis ins Dorf, hatte doch schon jemand die Herde heimgetrieben - gewiß, dachte Sperling, war es mein Vater, und es schmerzt mich sehr, ihm Sorge bereitet zu haben -, wo Sperlings Mutter bereits mit tränenüberströmten Gesicht an den Toren stand und in die Ferne blickte, als könne sie so, wenn sie nur lange genug zu den Bergen schaute, auch ihren Sohn erblicken. Und Sperlings Retter ward fast vergessen, als Mutter und Vater ihren Sohn umarmten, ihn zugleich küßten und tadelten und ihm alle Sorgen verziehen nur um des Glücks willen, ihn unbeschadet wieder in die Arme schließen zu können. Denn als sich der Junge wieder an den Fremden erinnerte, ward dieser nur noch ein kleiner Punkt vor den mächtigen Schatten der Berge, und das große Pferd lief schnell wie der Wind und gewandt wie eine Katze, der Reiter an seinen Nacken geschmiegt, fort, weit fort, unter der roten Sonne hin.
Danach ward fast alles wie zuvor, nur daß Sperling viele Nächte lang noch lange wachlag, bis er, gen Mitte des Sommers, endlich einen Entschluß gefaßt hatte und diesen am Abend seinen Eltern mitteilte.
Viele Tränen gab es, und ein paar harsche Worte, aber Sperlings Eltern liebten ihren Sohn zu sehr, um ihm Gram zu sein und ihn ohne ihren Segen ziehen zu lassen, obgleich seine Mutter fühlte, als sei ihr Herz gebrochen, als sie ihn des Morgens fortgehen sahen in Richtung der Berge und weiter, den Rucksack geschultert, den Stecken in der Hand, mit forschen Schritten. So ließ Sperling denn seine Eltern und das Dorf seiner Kindheit zurück (und viele Mädchen, die ihm traurig hinterherwinkten) und zog aus in die Fremde, um Abenteuer zu erleben und - wer weiß - eines Tages wieder dem fremden Jüngling zu begegen, der ihm im Frühjahr das Leben gerettet.
Zum Ufer des Meeres hinter den Bergen hatte er beschlossen zu ziehen, und von dort aus weiter bis an den Hof des Königs im Westen... denn vielleicht würde er auch Krieger werden, ein glänzendes Schwert führen und den Schwachen beistehen wie die Ritter in den Geschichten. Und auf seinem Weg durch die Berge würde er Ausschau halten nach Spuren des Fremden.
Sein Weg führte ihn nochmals an der Wiese vorbei, auf der auch heute seines Vaters Schafe grasten, bewacht von einem seiner Vetter und dem Hütehund, und er rief beiden und den Schafen einen letzten Gruß zu, bevor ihn aufs Neue die Gebirgswelt umfing. Seinen Spuren von damals folgend, stieg er höher und höher, nur dieses Mal achtete er ganz besonders auf seine Tritte, als er den Grat überquerte, und fand die Steinhalde gar tief unten und den Abhang gar steil, aber heute fiel er nicht, entdeckte jedoch auch keine Spuren des großen Pferdes oder des Fremden. So kletterte er weiter in die Berge hinauf, und das bekannte heimatliche Tal schrumpfte und schrumpfte immer weiter hinter ihm, die Hütten erst ameisengroß und bald gar nicht mehr zu erkennen. Heimweh packte ihn auf einmal, aber er unterdrückte es tapfer und kletterte weiter und weiter.
An einem besonders steilen Hang hielt er dann an, um wieder ein wenig zu Atem zu kommen und sich die schweißnasse Stirne zu wischen. Feen oder Greifen hatte er noch keine gesehen, obgleich er seine Augen anstrengte, aber ein Falke ließ sich auf einem Felsvorsprung in der Nähe nieder und beäugte ihn gar neugierig.
Sperling blickte gleicherart neugierig zurück und sprach den Vogel an: "Sei mir gegrüßt, Falke. Kannst Du mir vielleicht sagen..."
Der Vogel sah ihn mit seinen gelben, scharfen Augen an und stieß einen schrillen Schrei aus, wie es denn die Art der Greifvögel ist, antwortete ihm aber gar höflich: "Auch Du seist mir gegrüßt, Menschenjunges. Selten verirren sich Deine Leute so hoch in die hohen Berge. Sag' mir, was suchst Du, hier ganz allein?"
"Mein Weg führt mich über die Berge und gen Westen, an den Hof König Alfredos", sagte Sperling, "und ich suche einen fremden Jüngling, der hier im Frühjahr vorbeigezogen ist, mit den Kleidern und Waffen eines Kriegers, mit braunem Haar und blauem Mantel und einem großen schwarzen Roß."
Der Falke nickte ruckartig, breitete seine Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte.
"Halt, so warte doch!" rief Sperling ihm hinterher.
"Den Verfluchten suchst Du?" krächzte der Falke aus luftiger Höhe und flog davon auf den Schwingen des Windes. "Den Verfluchten! Bleib' ihm fern, Menschenjunges, bleib' ihm ja fern!"
Sperling blieb verwundert zurück und rätselte über die Worte des Vogels. Verflucht sollte sein Retter sein? Aber weshalb... und auf welche Art? Er nahm sich vor, das Rätsel zu lüften und dem Jüngling zur Seite zu stehen, wenn er ihm wieder begegnen sollte. Sein Leben verdankte er ihm, und er würde ihm dafür einen ähnlichen Dienst erweisen, und kein Fluch würde ihn schrecken!
Drei Tage wanderte er, drei Nächte schlief er, gehüllt in seinen wollenen Mantel, den Stecken neben sich, seit er dem Falken begegnet war, bis endlich die letzten Hänge der Berge vor ihm auftauchten und wieder in sanft geschwungene Hügel und Täler übergingen, durch die sich fröhlich plätschernd ein kleiner Fluß wand. An seinem Ufer ruhte sich der Jüngling aus, füllte seine Wasserflaschen und aß von den wilden Beeren, die dort in Fülle wuchsen. Die Sonne schien warm herab, glänzende Fische sprangen im klaren Wasser, und Frösche quakten im Schilf, und Sperling lächelte.
Ein großer grüner Frosch sah ihn mit seinen runden Glubschaugen an und fing eine Mücke. Sperling beobachtete ihn bei seinem Tun und fragte ihn schließlich: "Sei gegrüßt, Frosch, und beantworte mir doch eine Frage - hast Du einen Fremden hier vorbeiziehen sehen?"
Der Frosch schluckte gemütlich und blickte Sperling langsam an: "Einen Fremden suchst Du, Menschenjunges? Viele fremde Menschen kommen hier vorbei und rasten an den Ufern meines Flusses, fangen die glänzenden Fische und trinken von meinem Wasser. Wie sieht er denn aus, Dein Fremder, den Du suchst?"
Und Sperling beschrieb einmal mehr den fremden Jüngling und sein Roß, und wieder ward er sehr erstaunt, als der Frosch mit einem großen Sprung auf einen Stein in der Mitte des Flusses hüpfte, und von dort aus ins Wasser sprang. "So sag' doch, ist er vorbeigekommen, der Fremde?"
Der Kopf des Frosches tauchte noch einmal auf: "Der Verfluchte ist er, Menschenjunges! Ihn solltest Du nicht suchen, nicht ihn..." und verschwand wieder in den Fluten, unseren Jüngling gar verwundert zurücklassend.
Sperling schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort, der ihn nun nach Westen führte, durch die Hügel, immer am Fluß entlang, bis er an ein kleines Dorf kam, umgeben von Feldern, auf denen die Bauern arbeiteten und die goldene Ernte einbrachten. Sein Heimweh ließ ihn die Menschen nur abwesend grüßen, aber er erinnerte sich noch beizeiten, daß er im Dorf noch Brot und Käse kaufen wollte, um seine Reise fortsetzen zu können. Ein, zwei Mädchen lächelten ihn scheu an, und die Bäuerinnen begrüßten ihn freundlich und verkauften ihm gerne Brot, Käse und Eier.
Neugier ließ Sperling dann fragen: "Ich danke Euch, liebe Leute. An den Hofe König Alfredos ziehe ich, und einen fremden Jüngling suche ich, den man den 'Verfluchten' heißt. Könnt Ihr mir sagen, was es mit diesem Namen auf sich hat?"
Doch es war wie verhext - die zuvor so freundlichen Bauern sahen den Jüngling nur noch tadelnd und mißtrauisch an, obgleich auch eine gewisse Trauer in ihren Augen zu liegen schien, aber seine Frage mochten sie ihm nicht beantworten. Sperling zuckte schließlich die Schultern und machte sich wieder auf den Weg, mehr entschlossen denn je, das Rätsel zu lösen.
Die nächsten sieben Tage zog Sperling nun am Lauf des kleinen plätschernden Flusses entlang, der mit jeder Meile etwas breiter wurde und etwas stärker plätscherte. Da wußte unser Jüngling, daß er sich allmählich dem Meer näherte, und sein Herz hüpfte ihm in der Brust vor Freude, weil er nun endlich den endlosen Ozean sehen würde, von dem ihm schon so viel erzählt worden war. Und die Silbermöven, und vielleicht auch ein schlankes, elegantes Schiff am Horizont, und einen roten Sonnenuntergang über dem Wasser, und er lächelte.
Am Abend des siebten Tage konnte Sperling bereits die salzige Meeresluft riechen, und fing an, größere Schritte zu tun. Bevor er jedoch die ginsterbewachsenen Dünen vor ihm erreichen konnte, führte ihn sein Weg noch durch ein kleines Waldstück, das still und schattig war und gar sehr zum Ausruhen einlud. Und Sperling sagte sich, daß er das große weite Meer noch früh genug am Morgen erreichen würde, und legte sich in der kühlen schattigen Stille einer großen Eiche zur Nachtruhe nieder.
Als er am Morgen erwachte, wunderte sich Sperling, warum seine Beine so schön warm waren, obgleich Tau die Gräser netzte und er eigentlich hätte frösteln müssen. Ein hübscher rotgoldener Fuchs hatte sich auf Sperlings Beinen zusammengerollt, die weiße Schwanzspitze um die glänzende schwarze Nase gewickelt, und sah ihn mit einem blinzelnden Auge an. Sperling setzte sich vorsichtig auf, um den Fuchs nicht zu erschrecken, und sagte behutsam: "Ich danke Dir, daß Du meine Beine gewärmt hast, Fuchs, und ich wäre geehrt, wenn Du dafür mein Frühstück mit mir teilen würdest", und der Fuchs zuckte mit der Schwanzspitze und nahm das Angebot gerne an. Vom Meer konnte er Sperling nichts erzählen, weil er den Sand nicht mochte, und die kleinen verspielten Wellen, die gerne seine Füße netzten, und den weiten endlosen Strand - nein, der Fuchs war ein Tier des Waldes, aber er ward gar freundlich, und Sperling bedauerte bald, daß der Fuchs ihn nicht begleiten konnte auf seinem Weg zum Meer und weiter nach Westen.
Bevor Sperling nun wieder aufbrach, wollte er noch ein letztes Mal versuchen herauszufinden, was es denn nun mit dem 'Verfluchten' auf sich hatte, aber der Fuchs sah ihn nur mit den gleichen traurigen Augen wie die Bauern des letzten Dorfes an und wollte nicht über den Fremden sprechen, so sehr Sperling ihn auch darum bat. Aber eines konnte er unserem Jüngling sagen: "Es ist uns allen verboten, Menschenjunges, den Namen dessen auszusprechen, den man heute den 'Verfluchten' heißt... aber wenn Dir eine weiß verschleierte Dame begegnet, die einen goldenen Ring am Finger trägt, der aussieht wie eine Stern, so kannst Du sie heimlich befragen, und nur sie wird Dir Auskunft geben." Sperling bedankte sich also und sah dem Fuchs nach, wie er gewandt im Gebüsch verschwand, und machte sich wieder auf den Weg ans Meer.
Im warmen Schein der Sonne folgte Sperling dem kleinen gewundenen Pfad, der sich durch die sandigen, ginsterbewachsenen Dünen schlängelte, und langsam tauchte das Meer vor ihm auf, so tiefblau, grenzenlos und geheimnisvoll, wie er es sich immer vorgestellt.
Und Sperling wanderte mit großen Augen durch den goldenen, feinen Sand, bis die ersten kleinen Wellen vorwitzig seine Schuhe benetzten, und setzte sich schließlich so nahe ans Wasser, daß er seine Hände durch die verspielten kleinen Wellen ziehen konnte. Das regelmäßige Schlagen der Wogen an den Strand ward wie das gleichmäßige Pochen eines großen Herzens und so beruhigend, daß Sperling einfach einschlief.
Und es träumte ihm, daß er erwachte, als der Mond bereits hoch am Himmel über dem dunklen Ozean stand, und daß in seinem Lichte und der der tausend blinkenden Sterne sich eine Gruppe von Menschen am Strand bewegte, die helle Fackeln trugen.
Ein einsamer Reiter auf einem schwarzen Roß, der Sperling bekannt dünkte, und eine weißgekleidete Dame auf einem Schimmel, von schweigenden bewaffneten Dienern begleitet, kamen im Fackelschein dort zusammen, wo See und Land aufeinander trafen. In seinem Traum schlich Sperling näher, um die Gesichter der Fremden erkennen zu können, und wahrhaftig, es waren sein Reiter aus den Bergen, den alle den 'Verfluchten' hießen, und eine schöne Dame, deren Gesicht unser Jüngling jederzeit wiedererkennen würde. Schön und traurig war es, und dem des fremden Jünglings gar ähnlich, aber von Linien des Grams durchzogen, und tränennaß, als sie den jungen Reiter nach einem kurzen Gespräch umarmte, vom einem der Diener wieder in den Sattel gehoben ward und mit einem letzten schmerzvollen Gruß dann zurück nach Westen davonritt.
Der fremde Jüngling blieb zurück, still wie eine Statue, abgesehen von seinem Roß, das ungeduldig im feinen Sand stampfte.
Die Fackeln verschwanden in der Dunkelheit, und eine Wolke schob sich vor den Mond.
Als Sperling am Morgen erwachte, war er etwas steif von der Nacht, die er im Sand geschlafen, aber es fror ihn nicht, und dieses Morgens lag es nicht an einem rotgoldenen Fuchs, der auf seinen Beinen lag, nein, dieses Morgens wärmte ihn ein blauer, dicker Mantel mit silbernen Borten, der über ihm gebreitet lag und den Nachtwind abgehalten hatte. Und Sperling befühlte den blauen Stoff mit neugierigen Fingern und ertastete einen Rand, von dem wohl einst jemand Streifen abgerissen, um eien verletzten Knöchel zu schienen...
Und die Erinnerung an seinen Traum kehrte so lebhaft zurück, daß Sperling aufsprang und aufgeregt im nassen Sand nach Spuren von Pferden und Menschen suchte, und tatsächlich eine Stelle fand, an der des Nachts wohl mehrere Menschen abgestiegen und miteinander gesprochen hatten, und zwei Spuren führten hin und fort von jener Stelle - ein Gruppe von vielleicht fünf bis acht Reitern, und ein einsamer Reiter auf einem großen Pferd. Und Sperling legte seinen eigenen, einfachen wollenen Mantel ab und hüllte sich in den dicken blauen Stoff, der nach Pferd und ein wenig nach dem Fremden roch, ein flüchtiger Duft nach Wald und See, der Sperling lebhaft an einen Abend in den Bergen erinnerte. Dabei blitzte eine goldene Stickerei in einer Falte des Mantels auf, die Sperling bisher noch nicht bemerkt hatte: Eine Flamme in einem Kreis.
Noch sieben weitere Tage und Nächte führte Sperlings Weg ihn in Richtung Westen, immer in Sichtweite der Dünen und des grenzenlosen Blau des Ozeans, und den Mantel legte er immer nur ab, wenn er sich einer Siedlung oder einem Fischerdörfchen am Meer näherte. Denn genau der blaue Mantel mit der goldenen Flamme schien es zu sein, der die ersten Menschen, die er so gekleidet getroffen, ihn erst verblüfft, dann mißtrauisch und verschlossen betrachten ließ. Und einerlei, was Sperling sprach oder tat, sie gingen ihm aus dem Wege und wollten seine Fragen nicht beantworten.
Nach einem Dorf, in dem ihm zum dritten Male das Gleiche wiederfahren war, setzte sich unser Jüngling des abends an seinem Nachtlager an die hellen Flammen seines Feuers und nahm den blauen Mantel zur Hand. Alle Kinder seines Heimatdorfes hatten schon früh gelernt, mit Nadel und Faden umzugehen. Und so bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, mit ein paar blauen Fäden, die er von der Stelle zupfte, an dem einst ein braunhaariger Reiter ein Stück abgerissen hatte, die goldene Flamme im Kreis zu überdecken. Große, gleichmäßige Stiche machte er, und bald war die goldene Stickerei verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
So ging nun der siebzehnte Tag von Sperlings Reise zu Ende.
Er erinnerte sich der Erzählungen der Händler, die ihm von den Reitern des Westens und vom Hofe des Königs berichtet hatten, und tatsächlich stieß er am nächsten Morgen auf eine groß, befestigte Straße, die vom Meer fort Richtung Südwesten führte.
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